Stellungnahme zur Absage der Broschürenpräsentation im W23

Wie einige von euch sicher mitbekommen haben, hatten wir am 23.5.14 eine Präsentation unserer Antisexismusbroschüre geplant, zu der wir alle Beteiligten und alle Interessierten eingeladen haben. Die Veranstaltung sollte auf Einladung der Bibliothek von Unten und der Rosa Antifa Wien (RAW) im W23, einem linken Lokal in der Wipplingerstraße in Wien, stattfinden. Leider wurde die Präsentation abgesagt, nachdem eine Wiener Definitionsmacht-Gruppe fünf Tage vorher per E-Mail intervenierte. Sie machten uns auf die Verwicklung eines Autors der Broschüre in einen ihrer Fälle aufmerksam und informierten gleichzeitig die Veranstalterinnen. Diese entschieden sich, auch aufgrund des knappen Entscheidungsspielraums, die Präsentation abzusagen.

Die Hintergründe

Definitionsmacht-Konzepte stellen den Versuch dar, auf sexualisierte Gewalt zu reagieren und sich praktisch gegen Sexismus zu engagieren. Dabei sollen Unterstützer*innengruppen eine Anlaufstelle für Betroffene bieten. Sie haben den Anspruch, deren Erfahrungen ernst zu nehmen und zu versuchen, sie bei der Durchsetzung ihrer Forderungen zu unterstützen.

Die Gruppe DEFMA forderte von uns, den Artikel eines Beteiligten aus Neuauflagen und der Online-Version der Broschüre zu entfernen und eventuell durch einen entsprechenden Vermerk zu ersetzen sowie den Namen aus dem Impressum zu streichen. Sie sehen durch seine Mitarbeit bei einem antisexistischen Projekt die Gefahr einer, aus ihrer Sicht illegitimen, Profilierung.

Wir haben uns sehr viel Zeit genommen, viel darüber diskutiert und uns Gedanken gemacht. Wir sind ganz klar zu dem Schluss gekommen, dass wir diese Befürchtung nicht teilen und den Forderungen nicht nachkommen können. Wir wollen den Artikel auf keinen Fall streichen, weil wir ihn aus inhaltlichen Gründen gerne in der Broschüre hätten und weil wir damit die Identität des Beteiligten preisgeben würden. Eine solche Öffentlichmachung und die damit verbundenen Dynamiken, die in Gang gesetzt würden, können wir ethisch und politisch nicht verantworten: so ein Vorgehen würde eine absolut unverhältnismäßige Anprangerung darstellen.

Dass wir vage von „Verwicklung“ und „Vorwürfen“ schreiben, drückt eine Unbeholfenheit aus, klar zu benennen, worum es eigentlich geht. Wir glauben, dass die Schwierigkeit nicht allein unserer Ungeschicklichkeit geschuldet ist, sondern dass wir es hier mit Problemen zu tun haben, die sich nicht so ohne weiteres sprachlich bewältigen lassen. Wir halten es einerseits für sinnvoll, die Situation möglichst genau zu beschreiben, um zu verhindern, Gerüchte in die Welt zu setzen und wilde Phantasien Raum greifen zu lassen. Andererseits ist es uns unangenehm, eine Situation zu beschreiben, über die wir nur begrenzt informiert sind. Wir haben uns an vielen Formulierungen versucht und allen bleibt etwas nicht Zufriedenstellendes und sie werden manchen Anforderungen nicht gerecht. Auf die folgende Beschreibung trifft das vielleicht noch am wenigsten zu.

Die problematisierte Situation liegt mittlerweile ca. sechs Jahre zurück. Es handelte sich dabei um kein bewusstes Übertreten der artikulierten Wünsche der Betroffenen und auch nicht um physische Gewalt. Wir wollen keine Details, die für die Betroffene vielleicht unangenehm sein könnten, öffentlich machen. Wir finden es aber notwendig zumindest zu schreiben, dass die Beteiligten bekleidet waren, nicht geküsst wurde, sie nie Sex hatten und keine Genitalien oder sekundären Geschlechtsorgane berührt wurden. Wir können alle selbst von Situationen berichten, die von außen als verhältnismäßig harmlos erschienen, sich aber sehr unangenehm anfühlten oder sogar als Gewalt erlebt wurden. Wir vermuten, dass die Betroffene die Situation so empfunden hat und erkennen ihre Wahrnehmung voll an.

Wie wir wissen, nimmt auch der Beteiligte die Empfindungen der Betroffenen sehr ernst und hat sich mit seinem Verhalten – auch aufgrund ähnlicher Situationen in dieser Zeit – jahrelang intensiv auseinandergesetzt. Diese Auseinandersetzung begann bereits lang bevor die Betroffene ihm vor drei Jahren über die Gruppe DEFMA ihre Wahrnehmung und Forderungen zukommen ließ. Er solle u.a. eine Reihe linker Lokalitäten nicht mehr aufsuchen. Forderungen, welche er immer respektierte.

Die Position des Kollektivs

Als Antisexismusbroschüren-Redaxkollektiv bildet eine Grundlage unserer Arbeit, sich mit Erlebnissen von Frauen* auseinanderzusetzen, die (strukturell) sexistische Situationen erfahren, und daraus Gegenstrategien zu entwickeln – das gilt auch für uns als feministische/profeministische Einzelpersonen. Wir finden Maßnahmen wichtig, die dem unmittelbaren Schutz von Betroffenen dienen, bezweifeln nicht ihre Wahrnehmung und sind mit ihnen parteiisch.

Nun stellt aber eine Unterstützer*innengruppe Forderungen auf, die in keinem ersichtlichen Zusammenhang mit dem Schutz der Betroffenen stehen. Die Betroffene hat unseres Wissens niemals den Wunsch geäußert, der Beteiligte möge nicht mehr öffentlich gegen Sexismus Stellung nehmen.Wir fühlen uns darin bestärkt, da die Gruppe DEFMA sich nicht auf so eine Forderung bezieht, die sich ohnehin nicht als Schutzmaßnahme rechtfertigen ließe.

Die Angst, dass es sich um eine Profilierungsstrategie des Beteiligten handeln könnte, wollen wir ebenso ausräumen, da für uns in diesem Fall kein Zeichen dafür gegeben ist und der Beteiligte zudem von uns gefragt wurde, ob er mitarbeiten wolle. DEFMA, eine anonyme, gemischtgeschlechtliche Gruppe, erhöht sich hier zur moralischen Instanz, die darüber entscheidet, was wir zu tun und zu lassen haben. Das entspricht nicht unserer Auffassung von feministischer und antisexistischer Politik.

Es entspricht unserem Begriff von Menschen, dass immer die Möglichkeit einer Weiterentwicklung und Auseinandersetzung besteht. Diese Perspektive der Veränderbarkeit bildet die Grundlage emanzipatorischer linker Politik überhaupt. Demnach verstehen wir antisexistische Reflexion als einen ständigen Prozess – bei uns allen – bei dem keine*r von uns beurteilen könnte, ab wann ausreichend Selbstreflexion passiert ist. Wir finden es deshalb absurd, dass die Gruppe DEFMA dem Autor aufgrund eines mehr als sechs Jahre zurück liegenden Ereignisses heute verweigern will, sich an einer antisexistischen Broschüre zu beteiligen. Es ist kontraproduktiv, Menschen von einer öffentlichen Auseinandersetzung mit Sexismus auszuschließen. Indem Beteiligte isoliert und aus antisexistischen Zusammenhängen gedrängt werden, wird eine Auseinandersetzung erschwert und mit unnötigen Hürden versehen.

Der Umgang mit uns

Unabhängig davon, dass wir den Forderungen, die in diesem Fall an uns gestellt wurden, aus den beschriebenen grundsätzlichen Aspekten nicht nachkommen können, stört uns auch einiges an dem Vorgehen der Gruppe DEFMA. Dabei geht es uns vor allem darum, wie jetzt mit uns als Feminist*innen und antisexistischen Aktivist*innen umgegangen wird.

Wir finden die Doppelstrategie, die in der Kommunikation gefahren wurde, äußerst ungut. Wir reagierten auf das Mail von DEFMA sofort mit einem Antwortmail, in dem wir erklärten, wir müssten die Anmerkungen besprechen und bräuchten dafür Zeit. DEFMA schrieb uns sehr freundlich zurück und gab uns zu verstehen, dass sie nichts mit der Entscheidung zur Absage der Broschürenpräsentation zu tun hätten. Gleichzeitig müssen wir aufgrund der an uns herangetragenen Informationen davon ausgehen, dass DEFMA es informell als Erfolg verbreitet, dass die Präsentation der Broschüre abgesagt wurde. Bereits von Beginn an wurden nicht nur wir, sondern auch die veranstaltenden Gruppen informiert. Dies ist ein grundlos unsolidarisches Vorgehen. Wir haben das Gefühl, dass ein echtes Gespräch mit uns gar nicht gesucht wurde und unser Bedürfnis nach Zeit für die eigene Auseinandersetzung ignoriert wurde.

Außerdem ist es aus feministischer Sicht extrem problematisch, die Absage einer Veranstaltung zu einer Antisexismus-Broschüre, die DEFMA nach eigenen Angaben für gut befindet, als Erfolg zu werten. Wir haben sogar mitbekommen, dass durch dieses Vorgehen bereits an einigen Orten in Wien diskutiert wird, ob die Broschüre als Ganzes zu verurteilen ist. Es erschreckt uns, dass es zu solchen Dynamiken kommt, ohne dass wir überhaupt selbst dazu gefragt werden. Wir hoffen, dass Gruppen noch das Gespräch mit uns suchen, bevor sie zu einer endgültigen Einschätzung gelangen. Es kann nicht das Ziel einer antisexistischen Intervention sein, uns als Aktivist*innen zu verunsichern und in unserem Handlungsspielraum einzuschränken.

Abgesehen von der nicht gerade gelungenen Kommunikation, macht es uns die Anonymität der Gruppe DEFMA (wir wissen nicht wer bei der Gruppe mitmacht) schwer, auf einer persönlichen Ebene Gespräche zu suchen, obwohl wir wahrscheinlich öfter mal auf der einen oder anderen Veranstaltung sind. Demgegenüber steht unsere namentliche Bekanntheit, die uns auch persönlich angreifbar macht.

Von dem, was wir bis jetzt mitbekommen haben, den Fragen, die zu uns durchgedrungen sind und dem Umgang mit uns und der Broschüre, haben wir das Gefühl, dass die Arbeit von eineinhalb Jahren an der Broschüre und von über 70 Personen, die daran beteiligt waren, zunichte gemacht wird. Darüber hinaus haben wir den Eindruck, dass das auch die feministische, antisexistische, emanzipatorische Arbeit betrifft, welche wir als Einzelpersonen in anderen Kontexten machen. Es geht dabei offenbar nicht um den Inhalt der Broschüre oder unsere sonstige Arbeit. Das macht uns fassungslos und hat uns lange sprachlos gemacht.

Die Zukunft

Da wir weiter davon ausgehen, dass DEFMA eigentlich etwas sehr Sinnvolles machen möchte, nämlich Betroffene unterstützen und gegen Sexismus in unserer Gesellschaft ankämpfen, hoffen wir, dass auch unsere Kritik verstanden und aufgenommen wird und einer Präsentation unserer Broschüre in der Zukunft nichts im Wege steht.

In den letzten Wochen beschäftigten wir uns kollektiv intensiver mit Definitionsmacht-Konzepten und auch feministischer Kritik daran. Individuell setzten wir uns mit psychologischen Untersuchungen und Praxen sowie anderen Ansätzen, wie Community Accountabiliy oder Transformative Justice, auseinander. An entsprechendem Austausch über unterschiedliche Herangehensweisen und Ansätze sind wir interessiert und einzelne von uns werden dies hier und dort fortführen. Leider können wir als dieses Kollektiv nicht weiter daran arbeiten, weil unser Projekt abgeschlossen ist und wir individuell auch andere Projekte vorhaben. Wir hoffen aber, dass die Broschüre auch in Zukunft ihren Platz in feministischer und antisexistischer Basisarbeit haben kann und rufen nach wie vor dazu auf, sie nach Lust und Laune weiterzuentwickeln.

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Eine Antwort zu “Stellungnahme zur Absage der Broschürenpräsentation im W23

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